Syrischer Flüchtling bewegt Neuenheerser Gymnasiasten mit seiner Geschichte

 
Hamed Alhamed hält einen Vortrag zu Syrien und seiner Flucht. Das Schulprojekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ hatte ihn mit Unterstützung des Kommunalen Integrationszentrums des Kreises Höxter an das Gymnasium St. Kaspar eingeladen.

„Wenn ihr mich mögt, dann möchte ich gern als Hamed gemocht werden. Und wenn ich euch nicht sympathisch bin, dann sollte ich euch als Hamed unsympathisch sein. Aber ihr solltet mich nicht bloß deshalb sympathisch oder unsympathisch finden, weil ich ein Flüchtling bin, aus einem anderen Land komme oder eine andere Religion habe. Denn jeder Mensch hat das Recht als er selbst wahrgenommen und beurteilt zu werden, so Hamed Alhameds eindringlicher Appell am Ende seines emotionalen Vortrags. In den vorangegangenen 90 Minuten bewegte er 250 Schüler der älteren Jahrgangsstufen sowie deren Lehrer.
 
Hamed Alhamed wird begrüßt von (hintere Reihe v.l.n.r.) Lehrer Jörg Lange, Rüdiger Gleisberg (zuständig für das Netzwerk „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ beim Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Höxter), Schulleiter Matthias Nadenau sowie Vertreterinnen der AG „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ (vordere Reihe v.l.n.r.: Jana Hiller, 9a; Corinna Lange, Q1; Sarah Schöning, 9a).
Hamed Alhamed wird begrüßt von (hintere Reihe v.l.n.r.) Lehrer Jörg Lange, Rüdiger Gleisberg (zuständig für das Netzwerk „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ beim Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Höxter), Schulleiter Matthias Nadenau sowie Vertreterinnen der AG „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ (vordere Reihe v.l.n.r.: Jana Hiller, 9a; Corinna Lange, Q1; Sarah Schöning, 9a).
Der 29-jährige Syrer stammt aus Deir ez-Zor. Mit seinem Bruder Ahmed gelang ihm 2015 die Flucht nach Deutschland, vier jüngere Schwestern und die Eltern mussten beide zurücklassen. Mit seinen Vorträgen möchte er um Verständnis für die Situation von geflüchteten Syrern werben. Diesen Wunsch unterstützt das Team des Projekts Schule ohne Rassismus. Lehrer Jörg Lange: Hameds Wunsch, ihn genauso wie alle anderen Menschen als Individuum wahrzunehmen statt ihn einfach nur in irgendeine 'Schublade' zu stecken, auf der 'Flüchtling' oder sonst etwas steht, sollte eigentlich immer unser Anspruch sein – und erst recht, wenn wir als Schule mit Courage handeln. Schulleiter Matthias Nadenau wies darauf hin, wie wichtig es ist, dass die geflüchteten Menschen für uns alle ein persönliches Gesicht haben und zu Wort kommen dürfen. Schüler und Lehrer nahmen den Vortrag zum Anlass, um Flucht und Integration innerhalb und außerhalb des Unterrichts weiter zu thematisieren - wohl wissend auch um eigene Alltagserfahrungen, die eine Auseinandersetzung nötig machen.

Das Syrien vor dem Krieg war in vieler Hinsicht ein modernes Land
 
Mit Videos, Bildern und einem lebendigen Vortrag in beeindruckend gutem Deutsch verdeutlicht Alhamed zunächst, wie ähnlich seine alte und neue Heimat sich waren – zumindest vor dem Krieg. Syrien als hoch entwickeltes Land – freie Bildung mit vielen Universitäten, gute medizinische Versorgung, eine leistungsfähige Wirtschaft. Syrien war ein tolerantes Land. Einen hohen Stellenwert hatte für ihn das friedliche Zusammenleben der Religionen: Christen und Muslime feierten gemeinsam Ramadan und Weihnachten. Weihnachten ist ein gesetzlicher Feiertag in Syrien. Sogar Schnee gebe es in Syrien, dennoch sei es in Deutschland kälter, ergänzt er schmunzelnd. Ein privates Video zeigt ihn mit Freunden und Familie fröhlich beim Feiern. „Unser Leben war gut!“ - man glaubt es ihm sofort.

„Was wir in Syrien hingegen nicht hatten“, so schränkt er jedoch anschließend ein, „war das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demokratie.“ Damit schwenkt er über zum Arabischen Frühling. Anfangs seien es friedliche Demonstrationen für mehr Demokratie gewesen. Überall auf der Welt werde für irgendwas demonstriert, so doch auch in Deutschland. Keiner habe damit gerechnet, dass die Regierung das Militär auf sie hetze. So viele Menschen seien getötet und verletzt worden, die Gewaltspirale habe sich immer weiter gedreht. Schockiert über das Ausmaß haben die Menschen nur noch Angst gekannt. Er zeigt Fotos und Videos der Angriffe und Zerstörungen, darunter mehrfach Bilder, auf denen er selbst in bombardierten Vierteln seiner Heimatstadt zu sehen ist. Nirgends sei man mehr sicher gewesen. Die unübersichtliche Lage in seiner Heimat wird deutlich, als er die Kriegsparteien darstellt: Assads Truppen, die Freie Syrische Armee, der Islamische Staat, Al-Nusra-Front, YPG sowie über 1.200 weitere militante Gruppen und ausländische Kräfte, die um die Vorherrschaft kämpfen.

Besonders emotional wird es, als er ein zehn Jahre altes Bild seiner Clique zeigt. Hier hätte sich jeder Jugendliche aus Deutschland, jeder Gast des Vortrags wiederfinden können - aber wohl nicht in der Geschichte dazu. Drei der abgebildeten jungen Männer wurden vom IS getötet, einer von einem Scharfschützen und von dem fünften fehle seit neun Jahren jede Spur. „Das sind meine besten Freunde. Von den Leuten auf dem Bild bin ich der Einzige, der noch am Leben ist.“

„Kein Mensch flieht freiwillig aus seiner Heimat“

Einfach nur noch weg, sei irgendwann der Wunsch gewesen. Er habe so viel verloren, es gab keine medizinische Versorgung mehr, weder Wasser noch Strom. Die Angriffe gingen immer weiter. Den Konfliktparteien sei egal, wen sie töten und was sie zerstören. Dies belegen auch seine Videos. „Wir wollten einfach nur weg, egal wohin.“ Es sei ihm ums blanke Überleben gegangen. Seine Familie jedoch konnte nur rund 7.000 Euro aufbringen. Dies reichte nur für ihn und seinen Bruder. 2015 flohen die beiden über die Balkanroute nach Deutschland, in der Hoffnung, ihre Familie irgendwann nachholen zu können. Seitdem haben sie ihre Eltern und die vier jüngeren Schwestern aber nicht mehr gesehen. Der Kontakt bestehe nur noch über Mobiltelefon und Internet, und auch nur dann, wenn es in Deir ez-Zor Strom gibt. Ihre Flucht haben sie filmisch dokumentiert, auch hierzu gab es einige erschreckende Beispiele im Vortrag.

Alhamed hat in den letzten Jahren viel gelernt: die deutsche Sprache, kulturelle Besonderheiten, zudem hat er Anfang Februar eine Ausbildung als Mediengestalter in Münster erfolgreich abgeschlossen. Mittlerweile fühle er sich wohl in Deutschland: „Viele Menschen aus Deutschland haben mir geholfen und ich habe mittlerweile auch viele Freunde hier.“ Nach Syrien zurückzukehren sei sein Wunsch, derzeit aber keine realistische Möglichkeit. Denn im Ausland lebende Syrer werden in Syrien enteignet, sollten sie nicht innerhalb von 30 Tagen zurückkehren und ihre Ansprüche anmelden. Vor allem aber drohe das syrische Militär geflüchteten Syrern ganz konkret: „Wir werden Euch nie verzeihen“, so heißt es von Seiten der Streitkräfte.
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